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ADFC Halle (Saale) – einmal utopisch

Im Jahr 2025 radele ich auf einem autospurbreiten Radweg mit zwei Radspuren (der PKW-Verkehr wird jetzt einspurig geführt) auf der Merseburger Straße Richtung Hauptbahnhof. Manchmal werde ich von einem Velomobil (gekapseltes Liegerad) überholt, das auch leicht mal 40 km/h schnell fahren kann. Es gibt inzwischen einen Velomobilverein in Halle, der schon mehr als 200 Mitglieder hat, etwa so viele wie der ADFC im Jahr 2015. Manchmal überhole ich selbst auf der breiten Überholspur ein Lastenrad, in dem von einem lokalem Verteilzentrum aus, Lieferungen, wie z. B. Medikamente in der Stadt ausgeliefert werden, oder ein Fahrrad mit Kinderanhänger. Die Lastenfahrräder verfügen über Elektromotoren und sind bis zu 25 km schnell (die Post verfügt bereits 2015 über derartige Pedelecs). Sie haben viele Fahrten von Bringediensten eingespart, die früher häufig mit ihren Lieferfahrzeugen die Radwege zugeparkt haben Die Ampeln sind für die Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 km/h auf Grünphase geschaltet.

Der Autoverkehr hat spürbar abgenommen, in Halle ist es viel ruhiger geworden, die Merseburger Straße ist wieder zu einer interessanten Wohnadresse geworden. Vor den Häusern stehen viele überdachte Fahrradbügel. Vor manchen gibt es auch abschließbare Boxen. In der Silberhöhe oder in Halle-Neustadt gibt es schon lange verschließbare, überdachte größere Abstellanlagen, die ähnlich aussehen, wie schon 2015 die Anlagen zur Sicherung der Mülltonnen aussahen. Überall hat es mehr Platz gegeben, Autofahren ist in den vergangenen Jahren teurer geworden, viele Familien haben deswegen und weil das Rad- und Straßenbahnfahren in Halle viel attraktiver geworden ist, ihren Zweitwagen abgeschafft, verzichten ganz auf einen PKW und leihen sich den nur noch gelegentlich aus.

Das Fahrrad ist auf dem Weg das Hauptverkehrsmittel in Halle zu werden. Überall finden sich Wegweiser mit Entfernungsangaben, die mir die kürzeste Entfernung zum Marktplatz oder zum Hauptbahnhof anzeigen. Allerdings verfügen inzwischen auch viele Smart-Phones über ein Fahrradroutennetz und machen die Navigation kinderleicht.

Mein Rad rollt mit einem schönen Surren, gestern war ich auf dem Marktplatz, bei dieser Gelegenheit habe ich meinen Reifen an einer öffentlichen Fahrradpumpe (Sponsoren haben sich für eine Finanzierung gedrängelt) wieder auf 3 atü aufgepumpt. Die Stecker einer öffentlichen Pedelec-Ladestelle waren auch belegt, Fahrradtouristen haben sich gerade wieder ihre Akkus aufgeladen und davon geschwärmt wie toll doch der Saaleradweg in Schuss gewesen sei, schön breit und mit einem regelmäßig gepflegten Belag, auf den Infotafeln unterwegs hätte man schon viel über Halle erfahren, morgen wolle man sich entlang einer ausgeschilderten Innenstadt Radroute die vielen Sehenswürdigkeiten in Halle ansehen. Inzwischen habe man ein Bett&Bike Hotel nahe der Altstadt gebucht. Das ist längst keine Problem mehr, das Smart-Phone zeigt auf Knopfdruck fahrradfreundliche Hotels in Halle (davon gibt es mittlerweile bereits 10) an und ob dort noch Zimmer frei sind. Im Zuge der Umsetzung eines Beschlusses des Stadtrates zum Radtourismus gibt es schon lange einen Halle-App, Radtouristen werden seitdem auch per Smart-Phone zu den interessanten Orten in Halle geführt.

Nach dem Google-Maps im Jahre 2013 eine Routing für Radverbindungen in Deutschland eingeführt hat, wurden von der Stadt Tracks für Verbindungen in der Stadt zugearbeitet, so dass auch alle Alltagsrouten mit dem Google App komfortabel erreicht werden können. Das gilt natürlich auch für sichere Schulwege, die von einer Arbeitsgruppe, der Schulen, der Polizei und der Stadtverwaltung auf Sicherheitsaspekte geprüft wurden.

Ich habe gestern im Rad-Portal der Stadt Halle gelesen, dass die Stadt Halle einen Bewilligungsbescheid von der Europäischen Union erhalten hat, um im Rahmen eines Modellprojektes eine Radspur des Radschnellweges Merseburger Straße zu überdachen. Dann wird auch Regenwetter und Schnee kein Problem mehr sein. Aber die Stadt räumt jetzt schon systematisch die Hauptrouten von Schnee und Eis, so dass das Fahrrad ein Ganzjahresverkehrsmittel geworden ist. Es wäre auch kein Problem jederzeit in die Straßenbahn einzusteigen, die Fahrradmitnahme ist wieder kostenlos, nach dem die HAVAG ausgerechnet hat, das sie so höhere Einnahmen hat, da Fahrradfahren damit stärker die Straßenbahn nutzen, wenn es mal besonders schnell gehen soll oder stark regnet.

Gleich biege ich zu Hauptbahnhof ab, mittlerweile musste angesichts des großen Andrangs eine Spur des Kreisverkehrs auf dem Riebeckplatz für Radfahrer ab markiert werden. Die Unfälle haben in den letzten Jahren stark abgenommen, weil fast überall das Tempo auf 30 km/h limitiert wurde.

Ich fahre aber zu der Radstation am Hauptbahnhof wo ich hinter dem Busbahnhof ebenerdig einfahren und mein Rad einfach abstellen kann. Heute fahre ich aber zur Werkstatt in der Radstation und beauftrage die, bis zur Rückkehr (ich will über das Wochenende zu einer Sitzung des ADFC in Fulda) mal meine Schaltung nachzustellen und das Fahrrad durch die Waschanlage zu schieben. Am Sonntagabend kann ich es dann gewaschen und neueingestellt wieder abholen. In der Radstation ist viel los, jede Menge Pendler aus dem weiteren Umkreis von Halle stellen ihre Fahrräder ab um mit dem Zug zu ihren Wohnorten zurückzufahren. Nach Schkopau oder Petersberg fahren die meisten inzwischen auf asphaltierten Routen direkt mit dem Rad in die Stadt, viele benutzen auch Pedelecs, dann sind 10 und mehr km Entfernung kein Problem mehr.

Mein Sohn ist vergangene Woche mit seiner Schulklasse zu einem Klassenausflug mit dem Fahrrad aufgebrochen. Die Landesregierung hat vor 10 Jahre ein Programm ins Leben gerufen, das Radfahren zur Schule und auf Klassenausflügen fördert. Sie will damit Gesundheitsvorsorge betreiben (2015 hatten Kinder aus Sachsen-Anhalt das durchschnittlich größte Übergewicht von allen deutschen Kindern) und die Identifikation mit Sachsen-Anhalt zu stärken. Die Lehrer konnten sich hierfür fortbilden. Mit einem Verkehrssicherheitsprogramm, das aus EU-Mitteln der Förderperiode ab 2016 gefördert wurde, konnten überall im Land Fahrradrouten sicher ausgebaut werden, bei Straßensanierungen wird konsequent eine unabhängige Sicherheitszertifizierung vorgeschaltet. Dies nachdem der ADFC mit einer Informationsstelle Radverkehrsqualität nachgewiesen hatte das viel Straßenausbauten erhebliche Sicherheitsmängel zeigten, zu schmal waren und zu wenige Querungsstellen vorgesehen waren. Inzwischen hat das Land Sachsen-Anhalt für seine konsequente Anwendung der ERA 2020 einen europäischen Preis für die Förderung umweltfreundlicher Mobilität gewonnen. Spötter behaupten, dass die Abschaffung der Radwegebenutzungspflicht im Jahr 2018 deshalb noch mal einen Schub bei der Radwegesanierung gebracht hat, weil die eingeschworenen PKW Fahrer in der Verwaltung und der Regierung dadurch die Radfahrer von der Fahrbahn locken wollen.

Schon lange gewährt die öffentliche Verwaltung in Sachsen-Anhalt ihren Beschäftigten einen Zuschuss zum Kauf eines Fahrrads, sie will damit die Gesundheit fördern, Parkplätze einsparen und den Krankenstand reduzieren. Weil gleichzeitig die PKW-Stellplatzgebühren erhöht werden mussten und überall sichere und gut erreichbare Fahrradabstellplätze geschaffen wurden, haben manche Behörden sogar eine Dusche eingebaut und viele Beschäftigte haben sich überzeugen lassen mit dem Fahrrad zu Arbeit zu kommen. Auch auf Dienstreisen ist es üblich geworden mit Bahn, Klappdienstrad und/oder Leihrad zu reisen.

Am vergangenen Wochenende war ich mit Radfreunden auf einer Tour um den Geiseltalsee. Unterwegs haben wir jede Menge Radfahrer getroffen, Radfahren ist die beliebteste Freizeitaktivität in Halle und im Saalekreis (das war sie auch 2015 schon), viele Autoausflügler konnten sich inzwischen für Radtouren ins Umland begeistern. Ein perfektes Netz von Radrouten zu Petersberg, zum süßen See, zur Goitzsche oder auch zum Geiseltalsee haben sie zum Umdenken angeregt. Ein gemeinsames Serviceteam von Stadt und Landkreis kontrolliert zweimal jährlich die Wege und die Beschilderung, alle Schildermasten sind durchnummeriert, Schadensmeldungen sind so einfach geworden, Reparaturen erfolgen in kürzester Zeit.

Einem Mitradler ist unterwegs die Kette gebrochen. Er hätte mit dem nächsten Bus nach Halle zurückfahren können, alle Buse sind inzwischen mit Heckgebäckträgern ausgerüstet, aber er hat lieber den ADFC Notfallservice angerufen. Innerhalb einer halben Stunde ist ein Fahrradmechaniker mit seinem schnellen Pedelec vorbeigekommen und hat eine neue Kette montiert. Alle anderen haben so lange ein Eis gegessen. An den Ausflugsrouten gibt es eine Menge Lokale, die sich auf Radfahrer eingerichtet haben. Das Stadtmarketing bietet inzwischen in Zusammenarbeit mit der DEHOGA Mehrtagestouren mit Gepäcktransport beispielsweise auf dem Himmelscheibenradweg nach Nebra und er über Unstrut und Saale zurück an. Seit der Himmelscheibenradweg vor 5 Jahren auf eine alte Bahntrasse von Röblingen bis Vitzenburg gelegt wurde, ist er zu einem populären und bekannten Ausflugsziele in ganz Mitteldeutschland geworden. Auch viele Leipziger haben die Route schon abgefahren. An verschiedenen interessanten Stellen auf Radroute finden sich Säulen mit Strichcode. Die lösen einen Download auf meinem Smartphone aus, das mir interessante Infos und Hintergrundinformationen zu Geschichte, Natur, Geologie auf der Radroute vorliest. Da wir etwas länger bei dem Winzer am Weinberg auf der Wünsch erbracht haben sind wir später mit einem Direktzug komfortabel von Mücheln nach Halle zurückgefahren. Im Zug waren viele Familien aus Halle die mit ihren Kindern um den Geiseltalsee geradelt sind und die Direktzüge genutzt haben.

In der Fahrradstation sehe ich auch einen Professor vom Geisteswissenschaftlichen Zentrum sein Leih-Pedelc abgeben. Im Jahr 2014 hatte eine Protestbewegung von Anwohnern, Professoren und STURA den Bau eines neuen Parkhauses an der neuen Lu-Wu verhindert. Sie wollten nicht dafür verantwortlich gemacht werden, dass in ein gewachsenes Wohnviertel ihretwegen eine Schneise geschlagen werden musste.

Nächste Woche habe ich einen Termin mit dem Radverkehrsbeauftragten der Landesregierung verabredet. Das Land will in einem Kooperationsprojekt zwischen der Landesmarketing GmbH und der Hochschule für Kunst und Gestaltung Giebichenstein eine landesweite Kampagne für noch mehr Radfahren durchführen. Erste Kinospots und Plakatentwürfe werden wir gemeinsam begutachten. Einer der Hauptsponsoren ist die MiFa in Sangerhausen, die sich in der vergangenen Jahren eine Spitzenstellung bei der Entwicklung und Produktion von Pedelecs in ganz Europa erarbeitet hat und in der Folge Hunderte neue Arbeitsplätze geschaffen hat.

 

Volker Preibisch

Landesvorsitzender ADFC Sachsen-Anhalt e. V.

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